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Schulbesuch an der eccola – ein Augen- und Ohrenschein

im Januar 2012

Ein altes Haus, ruhig liegt es da, morgens um 8.30 h, direkt gegenüber des Bahnhof. Kurz vor neun wird die Türe aufgerissen. Herein stürmen eine junge Frau und ein Bursche. Beide begrüssen sie erst ihren Lehrer, dann die Schulsekretärin persönlich. Sven* macht ihr Komplimente für ihren tollen Rock und Lisa* nutzt die Gelegenheit, ihrem Lehrer von ihrem gestrigen Streit zu Hause zu erzählen.
Auch ich werde freundlich, offen, mit Neugierde, begrüsst.
Pünktlich um 9 Uhr beginnt der Unterricht. Bis um halb zehn sind alle SchülerInnen eingetroffen. Auch die später Eintreffenden kommen ausnahmslos zu mir um mich zu begrüssen und sich mir vorzustellen. Aufgefordert dazu wurde keines. Das macht man hier... Immer wieder ruft die Arbeit - und immer wieder kommt etwas dazwischen. Dafür gibt es hier Raum – für persönlichen Austausch, für kleine Unarten. Es gibt Werkzeug und Reckstangen in den Türrahmen, wenn rohe Kraft kanalisiert werden will. Und es gibt einen Spiegel... und Zuwendung, immer und immer wieder. Jedes Einzelne wird gehört, gesehen, ernst genommen.
Viel Gewährenlassen gibt es hier und immer wieder die klare Ansage, was grad im Moment schulisch Thema ist. Viel Ringen um Aufmerksamkeit ist da, viel fast verzweifeltes Suchen nach einem starken Gegenüber. Grenzen sind gesetzt und werden auch mal mit einem Augenzwinkern durchgesetzt – wenn das Silbertablett als Ablage für Handys und andere No-Gos dient – und Autorität wird gelebt, beides auf eine sehr natürliche, authentisch wirkende Art. So muss dies denn auch nicht bei jeder sich bietenden Gelegenheit – und die sind zahlreich – neu unter Beweis gestellt werden. Und Respekt gibt es hier, vor dem Menschen mit all seinen Facetten, so stark, dass er sich auch hinter Kraftausdrücken nicht ganz verstecken kann.
Auf der Hinfahrt zur eccola bin ich auf mein Lieblingszitat von Hermann Hesse gestossen:
Das Unmögliche muss immer wieder versucht werden um das Mögliche zu erreichen.
Zufall? Wohl kaum.

M. Ö.-S., Heilpädagogin

 

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Unterrichtsbesuch in der Eccola

14. Februar 2013

Als ich zur Haustüre der Eccola hineinkam, begrüßten mich zwei offenherzige und interessierte Buben von ca. 10 – 12 Jahren. Gleich im Raum daneben kabbelten sich zwei weitere Jungs von ca. 12 – 14 Jahren. Diese waren ebenfalls sehr interessiert, wer da jetzt Neues herein kommt, äußerten ihr Interesse nach Kontakt mit mir aber eher in neckisch-provozierenden Fragen.
Es war gerade Pause und insgesamt schien mir die Stimmung – nach allem was ich vorher gehört und gelesen hatte – ausgesprochen entspannt.
Als wir jedoch 15 Min später das Klassenzimmer betraten, änderte sich die Stimmung schlagartig: es wurde rumgebrüllt, Hefte flogen durch die Luft, Kapuzen wurden über den Kopf gezogen. Der Druck, den die Schüler (anscheinend fast schon automatisch) fühlen, sobald sie mit Schule und Lernen konfrontiert sind, war offensichtlich.
Der Lehrer ging aber nur bedingt auf diese „Störungen" ein, sondern teilte in einer gleichbleibenden Ruhe die Hefte aus und erklärte die Aufgabe: Er habe jeweils in den Heften begonnen, eine Geschichte zu schreiben und die Aufgabe der Schüler sei es nun, diese Geschichte weiter zu schreiben. Wenn sie etwas geschrieben hätten, würde er wieder weiter schreiben. Diese Form des „in-Beziehung-Seins während dem Lernen" beeindruckte mich. Es hob die Hierarchie und die Trennung der Lern- und Aufgabengebiete zwischen Lehrer und Schüler bis zu einem gewissen Grad auf, und integrierte das Lernen spielerisch in die Beziehung zwischen beiden.
Diese niedrigschwellige Aufgabe war jedoch für die meisten Schüler schon eine enorme Herausforderung. Da einer der Schüler mit provokanten aber interessierten Fragen immer wieder Kontakt zu mir suchte, setzte ich mich neben ihn. Dies war für ihn zum einen Anlass, noch mehr Quatsch zu machen, zum anderen schien es seine Phantasie anzuregen und er hatte plötzlich ein Thema, mit dem er seine Geschichte fortsetzen konnte.
Immer wieder sprangen während dieser Einheit drei der vier Schüler auf und kabbelten sich. Ohne dass der Lehrer (selbst bei groben Störungen) drohte oder sanktionierte, hatte dies – bei aller Aggressivität – doch irgendwie noch einen geschützten Rahmen. Als er jedoch einmal für zwanzig Sekunden (!) das Klassenzimmer verließ (um das iPad wegzubringen, was er einem Schüler abgenommen hatte), entstand plötzlich ein Freiraum, in welchem die Aggressivität ernst wurde und zwei Schüler mit Stühlen aufeinander losgingen. Dies zeigte mir, welchen Halt, welche Orientierung und somit elementare Wichtigkeit alleine die Präsenz der Lehrperson für die Schüler darstellt.
Als zweite Einheit spielten wir alle gemeinsam ein Quiz (Welches Wort beginnt mit „Sch": Gegenteil von hässlich?). Hierbei änderte sich die Stimmung wiederum, weil die Schüler nicht mehr in einer grundsätzlichen Abwehr- und Verweigerungshaltung waren, sondern plötzlich Lust an der Aufgabe und der Herausforderung hatten. Ich war erstaunt, mit welcher Schnelligkeit die Schüler die Worte herausfanden und – im Gegensatz zur Aufgabe vorher – wie einfach ihnen nun die kognitive Anstrengung fiel!

Somit wird schnell ein Gesamtbild deutlich: die Schüler brauchen erstens eine Lehrperson, die trotz aller Abwehr und Aggression, die um sie herum ist, in der Ruhe bleibt und nicht selbst in Abwehr oder gar affektive Ausbrüche verfällt; zweitens Aufgaben, bei welchen sie Lust haben, ihren Grips anzustrengen und drittens eine Beziehung zum Lehrer, in der das Lernen integriert ist, so dass nicht der ganze Druck des Lernens (inkl. der Ängste zu scheitern) auf den Schülern alleine lastet.

Nach der Stunde saßen Herr Martin, ein Schüler und ich noch kurz zusammen für ein lockeres Gespräch. Als der Schüler von mir hörte, dass ich evtl. mal mit ihnen »Erlebnispädagogik« machen könnte, fragte er genervt und abschätzig: „Bist Du auch ein Heilpädagoge?" – und beim Verabschieden sagte er: „Bleib mir bloß fort mit Deiner Philosophie, sonst bin ich weg!" [Philosophie ist für ihn alles, was mit Pädagogik, Psychologie oder Psychotherapie zu tun hat]. Dies erinnerte mich 1:1 an meine eigene Pubertät, als ich selbst – nachdem ich von der dritten Schule geflogen war – auf alle Pädagogen geschimpft habe, weil ich Angst hatte, dass sie mich ändern wollen. Und nun? Bin ich als Psychologe und Sozialpädagoge selber genau einer von denen, auf die ich früher geschimpft habe. Will ich heute die Schüler ändern? Gebe ich ihnen einen Grund, Angst vor mir zu haben? Ich denke, dies ist weniger eine Frage danach, ob ich »Erlebnispädagogik« oder »Deutschunterricht« mit ihnen mache, sondern vielmehr eine Frage der Haltung, die hinter das vordergründige, oft laute Verhalten lauscht – so dass sich die Schüler gesehen, gehört und angenommen fühlen in dem, was sie wirklich fühlen und erleben. Und diese Haltung ist etwas, was ich an der Eccola erlebe. Somit verstehe ich die Drohung des Schülers: „Bleib mir bloß fort mit Deiner Philosophie, sonst bin ich weg!" als Schutz dessen, was er an der Eccola schätzt und als Aufforderung an mich, diese Kultur, diese Tradition, diesen für ihn besonderen Ort ebenso mitzutragen.

T.B., Psychologe und Sozialpädagoge

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Hospitation an der eccola – eine besondere Erfahrung


im April 2016


Um 9 Uhr morgens treffen wir in dem Schulgebäude der eccola ein. Das Haus erinnert uns ein bisschen an die Villa Kunterbunt und weniger an eine Schule, es wirkt bunt, einladend und man fühlt sich gleich ein bisschen wie zuhause. Wir können uns gut vorstellen, dass sich die Schüler hier wohlfühlen. Wir sind gespannt was uns erwarten wird bei unserem Hospitationsbesuch. Der Schulleiter begrüsst uns freundlich und auch die anderen Lehrpersonen wirken offen, warm, und lebendig. Die Begeisterung und das Engagement für ihre Arbeit sind spürbar. Wir begleiten den Lehrer, in dessen Unterricht wir heute hospitieren dürfen, in das Klassenzimmer. Nach und nach trudeln alle drei Schüler ein. Pünktlich um 9 Uhr beginnt der Unterricht. Die Schüler werfen uns neugierige Blicke zu und fragen sich vermutlich wer wir sind, warum wir hier sind und wie wir die Schulstunden mit ihnen wohl empfinden werden? Der Lehrer hat schon alles vorbereitet, eine feste Struktur, welche allem weiteren einen Rahmen bieten soll. Man merkt bald, dass der Umgang hier anders ist als in den uns bekannten Regelschulen. Die Unterrichtsatmosphäre ist freier. Die Schüler reden drauf los, was ihnen gerade so in den Sinn kommt, auch Unmut wird freier Lauf gelassen. Wir sind beeindruckt von der grossen Geduld und den starken Nerven der Lehrperson. Wie er es immer wieder schafft die Schüler zu motivieren, ihnen ein starkes Gegenüber zu sein, welches einerseits Grenzen setzt, und sie andererseits sein lässt. Wie er in Situationen, die aus dem Ruder zu geraten drohen, die richtigen Gesten und Worte findet, welche beruhigend und deeskalierend wirken. Man spürt, dass jeder Schüler auf seine individuelle Art wertgeschätzt wird und es dem Lehrer ein Anliegen ist, ihn bestmöglich zu unterstützen, für ihn da zu sein und ihn zu fördern. In der Pause stärken sich die Schüler mit dem von der Lehrperson mitgebrachten Brot und der Lehrer wird mit Fragen gelöchert. Die Atmosphäre an der eccola wirkt sehr familiär. In der zweiten Schulstunde wird konzentriert gearbeitet. Nach einem anstrengenden Morgen wirkt der abschliessende spielerische Teil wie eine Befreiung auf die Schüler. Wir verabschieden uns von Schülern und Lehrern und verlassen die eccola mit vielen interessanten Eindruücken und um einige Erfahrungen reicher.


S.M. & K.C. (Masterstudierende Psychologie)

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