Geschichten

  1 Boden unter den Füssen
  2 Bannkreis
  3 Streit im Klassenzimmer
  4 Weihnachten an der eccola
  5 Weihnachtshorror
  6 Schwabini
  7 Besuch des Konzentrationslagers Struthof in den Vogesen
  8 Diktat
  9 Museumsbesuch
  10 Preisverleihung der Basler Eule
 

 

 

1 Boden unter den Füssen

C.Martin

Max, 12, kommt am ersten Schultag nach den Ferien hereingestürmt. Er hat die Haare kurzgeschoren und trägt eine Bomberjacke und schwere Stiefel. «Machen Sie Platz», schnauzt er mich an und will an mir vorbei ins Treppenhaus. Ich bleibe stehen, auch wenn es mir einmal mehr angesichts des bulligen, schweren Jungen nicht ganz wohl ist in meiner Haut. Er versucht mich aus dem Weg zu rempeln, ich bleibe stehen (immerhin habe ich zehn Jahre Kampfsporterfahrung ...).
Ich verlange nun also von ihm, er solle, so wie es bei uns die Regel ist, seine Strassenschuhe aus- und ein Paar Finken anziehen. «Sicher nicht zieh ich schwule Finken an!», schreit Max mich an. Ich bleibe hartnäckig, lasse ihn nicht passieren.
Wir haben nun also die Situation, das ein erklärter Schulhasser, der aus allen vorhergehenden Schulen seiner Laufbahn ausgeschlossen wurde und auch bei uns Schule fürchterlich findet, mit all seiner körperlichen Gewalt versucht, an seinem Lehrer vorbei ins Klassenzimmer zu stürmen. Allerdings verliert er, nach 20 Minuten lenkt er schnaufend ein, zieht die Schuhe aus und trabt, nun schon weniger massiv, vor mir her die Treppe hinauf.
Dabei murmelt er zwischen Geschimpfe und Gefluche den Satz: «Endlich wieder Boden unter den Füssen.»

 

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2  Bannkreis
C. Martin

Ich lese mit den Schülern die Geschichte «Lia und der Kreis»von Primo Levi.
Dieses gemeinsame Lesen gestaltet sich äusserst schwierig, weil die 12- bis 14jährigen Buben sich heftig gegen diese «blöde Kindergeschichte» wehren und das Lesen mit allen erdenklichen Mitteln sabotieren. Sie lesen auch nur jeweils ein paar wenige, ohne Engagement vorgetragene Sätze laut und weigern sich, meinem Vorlesen zu folgen. Ich kämpfe mich durch die dreiseitige Geschichte, ohne zu wissen, ob überhaupt jemand richtig zuhört.
In der Geschichte wird erzählt, wie ein Mädchen in der Küche ihres Hauses einen ihr fremden Mann antrifft, der dabei ist, die Möbel weiss zu streichen – ein Maler. Sie ist von dem strahlenden Weiss so fasziniert, dass sie den frisch gestrichenen Tisch mit dem Finger berühren möchte.
Aber der Mann merkte es sofort und sagte: «Nicht drangehen! Du darfst es nicht anfassen.»
Lia blieb betroffen stehen und fragte: «Warum nicht?»
«Darum nicht», sagte er nur.
Es ist offensichtlich, dass der Mann mächtig, jedoch nicht zornig ist. Während er in aller Ruhe weitermalt, beschliesst Lia, die weisse Farbe, wenn sie sie schon nicht berühren darf, doch wenigstens aus nächster Nähe anzuschauen.
Aber während sie sich auf Zehenspitzen vorwärts schlich, geschah etwas Unvorhergesehenes, Unheimliches. Der Mann drehte sich um, stand schon neben ihr, nahm ein Stück Kreide aus der Tasche und zeichnete um Lia herum einen Kreis auf den Boden. Dann sagte er: «Da darfst du jetzt nicht mehr raus.»
Lia bleibt nun in diesem Kreis sitzen, der offensichtlich Zauberkraft hat. Als der Maler fertig ist mit seiner Arbeit, fragt Lia, ob sie denn nun wieder aus dem Kreis herausdürfe. Da lacht er und sagt, natürlich dürfe sie das.
Lia sah ihn ratlos an, bis der Mann ein Tuch nahm und den Kreis wegwischte, um den Zauber zu lösen. Auch der letzte Strich verschwand. Da stand Lia auf und hüpfte leichtfüssig aus dem Zimmer. Sie fühlte sich sehr zufrieden und glücklich.
Mit viel Mühe habe ich mich also durch diese Geschichte hindurch gelesen, immer wieder unterbrochen durch Störungen aller Art. Im anschliessenden Gespräch, das sich wie von selbst ergibt, stelle ich jedoch erstaunt fest, dass die Schüler sehr wohl den Inhalt der Geschichte aufgenommen haben und Vermutungen äussern, was es mit dem Kreis auf sich gehabt haben könne.
Schliesslich zeichne ich mit Kreide einen Kreis auf den Klassenzimmerboden, und sofort will jeder einen eigenen Kreis, um sich hinein zu setzen. Ein Schüler hat nach einer Weile genug, er verlässt den Kreis einfach, setzt sich wieder auf einen Stuhl und fragt: Was passiert jetzt?
Ein anderer jedoch – einer der sich das Nicht-Einhalten von Grenzen zur Überlebensstrategie erkoren hat - fordert zunächst einen grösseren Kreis, so dass er es sich etwas bequem machen könne auf dem harten Holzfussboden, bleibt dann aber geschlagene 45 Minuten bis zum Ende des Schulmorgens in diesem Kreis, achtet peinlich darauf, ihn nirgends zu berühren oder gar darüber hinaus zu geraten, folgt von hier aus dem weiteren Unterricht und besteht am Ende darauf, ich müsse den Kreis auswischen, sonst könne er nicht nach Hause.
Als er dann aufsteht und geht, wirkt auch er zufrieden und glücklich.

 

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3 Streit im Klassenzimmer
M. Binet

Seit Wochen, ja Monaten arbeitet Leander in jeder freien Minute an seinen Knetefigürchen. Seine Finger sind äusserst geschickt und flink. Kleine Menschlein und Tiere, selbsterfundene oder aus Geschichten entliehene, sammeln sich auf seinem Tisch, sodass für Schulhefte oder  -bücher kein Platz mehr bleibt. Rechnen und Schreiben kann man schliesslich auch auf dem Gemeinschaftstisch erledigen. Das tut Leander denn auch. Er arbeitet seit einiger Zeit konzentriert und zügig, um sich umso schneller wieder in seine Welt zurückziehen zu können. In jene Welt, in der seine Figürchen entstehen, lebendig werden und die tollsten Geschichten erleben. Leander  spricht im Eifer oft halblaut vor sich hin, bekommt glänzende Augen und rote Backen.
Auch die anderen Schüler haben ihre Knetewelten. Ganze Schlösser entstehen, aber auch Waffen und Monster, die zum Angriff bereit sind. Manchmal schliessen sich zwei Buben zusammen, kneten und erzählen, streiten sich wieder und beginnen von neuem.
Eines Tages kommt Cedric schon mit dunklem Gesicht in die Schule. Er ist nervös und  unglücklich. Und dann geht auch das Rechnen nicht. Er wird wütend, zerkratzt sein Heft. Zureden nützt nichts. Nichts tun geht auch nicht. Er beginnt die Mitschüler zu stören, sagt ihnen verletzende Dinge. Sie sollen wütend werden, blöd tun, damit er sich nicht allein fühlt. Aber auch damit hat er an diesem Tag kein Glück. Die Mitschüler weisen ihn ab, schreien, er soll endlich aufhören.
Da fällt sein Blick auf Leanders Knetewelt. Mit bösem, schadenfreudigem Lachen geht er zum Tisch und zerdrückt langsam eine Figur. Dann eine zweite, dann alle, eine nach der andern. Die Mitschüler sind konsterniert, schauen auf Cedric, auf Leander. Dieser will sich zuerst wehren besinnt sich dann aber anders. «Schade», sagt er, sonst nichts.
In der nächsten Viertelstunde sitzt Cedric zusammengekauert in einer Ecke. Leander setzt sich an seinen Tisch und beginnt neue Figuren zu formen. Cedric steht auf, geht zu Leander und sagt: «Entschuldigung. Ich wollte das nicht. Manchmal mache ich so etwas und weiss nicht warum. Es tut mir leid. Kann ich dir helfen?»Leander: «Ich weiss. Es macht nichts. Mir geht es oft auch so. Du kannst mir helfen.»
Und die manchmal bange, im Stillen gestellte Frage der Lehrerin: «Soll/muss ich eingreifen?»ist für diesen Tag beantwortet.

 

 

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4  Weihnachten an der eccola
C. Martin

Bereits zum fünften Mal feiern wir unsere Waldweihnacht in einer kleinen Hütte unterhalb des Crischona-Turmes. Ein richtige Tradition inzwischen ...
Am Tag zuvor herrscht in meiner Klasse grosser Aufruhr. Die drei Schüler beteuern mit viel Nachdruck, auf keinen Fall an diesem blöden Fest teilnehmen zu können. Ob man es denn nicht absagen oder wenigstens verschieben könne? Nein, das kann man nicht. Ich bleibe stoisch bei meiner Aussage, selbstverständlich könne ich niemanden zur Teilnahme zwingen, aber ich hätte sie schon alle gern dabei.
Siehe da, am Donnerstag um halb vier sind die Schüler beider Oberstufenklassen wie verabredet am Treffpunkt Hörnli Friedhof. Alle sind sich darin einig, dass die bevorstehende Wanderung eine Zumutung und deshalb unmöglich zu bewältigen sei.  Wir beginnen bei strahlendem Wetter den Aufstieg auf die Crischona, drei Jungen ungeduldig vorneweg, dann wir zwei Erwachsenen, dann gerade noch in Sichtweite die drei anderen hinterdrein. So zotteln wir langsam den Berg hinauf, von vorne zu mehr Tempo aufgefordert, von hinten gebremst.
Inzwischen geht per Natel die Meldung ein, dass die Gruppe der Primarschüler, die einen andere Weg nehmen will, noch nicht aufgebrochen ist, weil einer der Buben von einem anderen in den Weiher der Schule gestossen wurde. Die Kleider seien im Tumbler und man müsse abwarten, bis sie trocken seien.
Bei uns ist der Abstand zwischen Vor- und Nachhut mittlerweile sehr gross geworden. Wir achten darauf, die drei Jugendlichen aus meiner Klasse, die weit hinterher bummeln, nicht aus den Augen zu verlieren, natürlich ohne uns ständig nach ihnen umzudrehen. Nach anderthalb Stunden gelangen wir oberhalb von Bettingen an eine Waldstück, das wir bei beginnender Dämmerung – ein wunderschöner Sonnenuntergang – durchqueren. Wir gelangen bald an den Parkplatz unterhalb des Crischonagipfels. Hier warte ich auf die drei Nachzügler, während meine Kollegin mit ihrer Klasse bereits zur Hütte weiterzieht, es ist nicht mehr weit von hier.
Nun ist es dunkel geworden. Ich warte über eine halbe Stunde, lausche in den Wald hinein, aber es kommt niemand. Dabei hatte ich zuvor die Schüler sicher noch am Waldrand gehört. Ob sie wohl umgekehrt sind? Schliesslich frage ich einen alten Mann, der aus dem Wald spaziert kommt. Nein, er habe keine Burschen gesehen, aber er habe zwischen den Häusern von Bettingen Jugendliche rufen gehört. Ich steige in mein Auto, das ich am Nachmittag hier oben abgestellt habe, und fahre nach Bettingen hinunter, suche alle Haltestellen und Fusswege ab, finde aber niemand.
Also fahre ich wieder hinauf, parkiere mein Auto unweit der Hütte und laufe dorthin. Hier warten die eccola-Kollegen und die andere Schüler bereits ungeduldig darauf, die heisse Suppe essen zu dürfen. Aber ich komme alleine und bin sehr enttäuscht und auch ratlos. Ob meine Schüler wirklich einfach nach Hause gegangen sind? Keiner der drei war im Vorjahr bei der Waldweihnacht dabei, also wissen sie nicht, wo sie uns allenfalls suchen könnten. Ich gebe die Hoffnung auf, dass sie noch kommen könnten, und entscheide mich dafür, etwas später die Eltern zu informieren.
Als wir uns dann gerade zur Suppe an die Tische gesetzt haben, klopft es an die Tür der kleinen Holzhütte. Zaghaft wird die Tür geöffnet, und herein kommen die drei verlorenen Buben. Diese Erleichterung, diese Seligkeit auf ihre Gesichtern! Mit lautem Jubel und Geschrei erzählen sie alle drei auf einmal ihre Geschichte, dass sie sich im finsteren Wald verlaufen und nicht mehr gewusst hätten, was sie machen sollten. Jeder berichtet von den jeweils anderen, sie hätten grosse Angst gehabt und sogar Tränen vergossen. Ein Wildschwein sei ihnen begegnet. Dann habe ihnen ein Mann weitergeholfen, der von unserer Hütte gewusst habe. So ein Glück, dass sie uns doch noch gefunden hätten! Noch ein paar Mal müssen sie ihre Abenteuer wiederholen, während die einfache, aber leckere Suppe – welch ein Genuss nach diesen Gefahren - gegessen wird.
Danach – auch diese inzwischen Ritual – muss jeder Schüler sich «erraten» in einer kleinen Beschreibung: Brigitta Wisselaar findet Jahr für Jahr zu jedem einzelnen Schüler ein sehr passendes Bild, in dem er sich wiedererkennen kann, sei es als Haus, als Weg oder als Landschaft.
Geschenke gibt es natürlich auch, diesmal erhält jeder Bub einen edlen Kugelschreiben mit Namengravur. Auch hier verblüffen uns die Reaktionen: Einige betonen, dass das ein «blöder Stift» sei, den sie gleich in den Mistkübel werfen würden. Andere können ihr Erstraunen darüber, dass tatsächlich ihr Name auf dem Stift steht, nicht verbergen. Am Schluss nehmen alle ihre Geschenke mit, das ist in den Jahren zuvor nicht immer so gewesen. Auch dass es dieses Jahr gelingt, selbständig ein Räuber-und-Gendarm-Spiel zu organisieren und alle, auch die Primarschüler, darin einzubeziehen, ist bemerkenswert nach unseren zum Teil haarsträubenden Erfahrungen der Vorjahre. Am Ende müssen wir Erwachsenen zum Aufbruch drängen, weil einige der jüngeren Schüler pünktlich daheim erwartet werden.
Aber wie es so geht an der eccola, wenn man glaubt, alles gut überstanden zu haben, ist es meist noch lange nicht zu Ende: Die drei Schüler aus meiner Klasse, so sehr sie sonst auch auf die Schule schimpfen, sind an diesem Abend noch lange nicht schulmüde. Sie lassen sich in der eccola nochmals häuslich nieder, während ich die Festutensilien aufräume und das Geschirr abwasche. Dass sie sich dabei in unbeobachteten Momenten an den Gutsivorräten einer Kollegin vergreifen, entbehrt auch nicht einer gewissen Logik und gehört zu den «Kollateralschäden» der diesjährigen Weihnacht. Schliesslich können sie sich dann doch losreissen, nach mehreren Verabschiedungen und guten Weihnachtswünschen machen sich die beiden ältesten endgültig auf den Heimweg. Der letzte wird ein wenig später von seiner Mutter abgeholt.
Erschöpft und doch glücklich über den unerwarteten Verlauf des Weihnachtsfestes mache auch ich mich auf den Heimweg. Auf der Fahrt nach Hause denke ich, dass es an der eccola so oft anders kommt, als man denkt, und dass uns das Schicksal häufig unterstützend unter die Arme greift. Das ist schon ein Wunder.

 

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5 Weihnachtshorror
M. Binet

 

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6 Schwabini
M. Binet

 

 

 

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7  Besuch des Konzentrationslagers Struthof in den Vogesen

C. Martin, April 2007

Aus Gründen, über die nachzudenken lohnen könnte, interessieren sich sehr viele Eccolaschüler, die ich bisher unterrichtete, für den zweiten Weltkrieg und speziell für die Person Adolf Hitlers.

Im vergangenen Halbjahr habe ich also in meiner Klasse im Geschichtsunterricht hiervon erzählt: über die Hintergründe von Hitlers Machtergreifung, über Antisemitismus, über die politische Entwicklung hin zum Krieg. Die anfängliche Sensationsgier der Jugendlichen wich allmählich einem echten Interesse. Von Konzentrationslagern hatten die Schüler nur eine vage Vorstellung. Meinen Vorschlag, das ehemalige Lager Struthof bei Natzwiler in den Vogesen zu besichtigen, fanden sie gut. Die passende Gelegenheit bot sich an einem Donnerstag Mitte April 2007.

Bei strahlendem Frühlingswetter setzten wir uns zu viert in mein Auto und fuhren gut anderthalb Stunden über Colmar, Selestat bis Barr und von dort hinauf in die Höhen der Vogesen. «Am Ende der Welt» erreichen wir schliesslich die Gedenkstätte und das ehemalige Lager.



Aber hier stossen wir bereits auf ein Hindernis: Vor dem Eingang das Lagers stehen 12 bis 15 Busse, die erahnen lassen, wie viele Besucher sich dort drinnen aufhalten. Das nimmt den drei Schülern schon fast den Mut, überhaupt noch hinein zu gehen. Trotzdem warten sie geduldig, bis ich an der Kasse unsere Billets gelöst habe.

Wir betreten das Gelände des Konzentrationslagers durch den engen Eingang im doppelten Stacheldrahtzaun, der in regelmässigen Abständen von Wachtürmen unterbrochen wird.

Das nächste was passiert ist, dass wir von einem Mann zur Stille ermahnt werden. Die gesamte Gedenkstätte ist als Ort der Stille gekennzeichnet, was aber keine der unzähligen Schulklassen, die dort hindurchgehen, penibel einhalten würde. Ich habe aber nicht gesehen, dass andere Jugendliche ermahnt wurden.

Auf dem Areal sind zahlreiche Schülergruppen mit ihren Lehrern unterwegs. Meine drei Schüler bleiben eng beieinander und gehen sehr rasch den ganzen Weg hinunter bis zum anderen Ende des Lagers. Dabei stossen sie sich gegenseitig an, lachen laut, erzählen sich Ausländer- und Hitlerwitze. Vor dem Krematorium kommt dieser blinde Lauf zu einem Halt. Das Gebäude ist überfüllt mit einer italienischen Schulklasse. «Da geh ich nicht rein, da krieg ich Platzangst.»



Als dann das ärgste Gedränge nachlässt, gehen wir doch hinein. Der Anblick des Ofens, in dem Leichen verbrannt worden sind, und des Exekutionsraumes sowie des Raumes, in dem medizinische Experimente an KZ-Häftlingen durchgeführt worden sind, sorgt einen Moment lang für ein Innehalten. Zwei Schüler verlassen das Gebäude nach recht kurzer Zeit wieder, der dritte liest die Inschriften an den einzelnen Zimmern aufmerksam durch und macht Fotos mit seinem Natel.
Eine zweite Baracke besichtigen wir im Schnelldurchlauf, hier sind Häftlinge im Kerker oder gar in winzigen Heizungsverschlägen gehalten worden, um sie wegen geringer Vergehen oder auch willkürlich zu bestrafen. Meine Schüler witzeln, wer von ihnen sich denn mal einsperren lassen wolle.

Nun gehen wir zurück den Hang hinauf, auf dem die Grundflächen der früheren Baracken markiert sind.

Ständig begegnen wir dabei Gruppen von Jugendlichen, und irgendwie ziehen die drei Eccolaschüler die Aufmerksamkeit auf sich. Obwohl sie sich äusserlich gar nicht unterscheiden, andere sind genauso gekleidet und bewegen sich ähnlich, merke ich, wie über sie geredet wird. Sie fühlen sich beobachtet, «komisch angeschaut», provoziert. Sie reden davon, eine Schlägerei vom Zaun zu brechen.

Statt dessen wollen sie sich nun den Galgen ansehen, der zentral auf einem Platz vor den Baracken aufgebaut ist. Einer fotografiert, zwei bewerfen ihn dabei mit Kieselsteinen. Er regt sich furchtbar auf und droht mit der Faust. Die beiden lachen sich kaputt. Dann gehen sie, sie hätten genug und würden lieber draussen warten.

Der dritte möchte sich eigentlich noch die Ausstellung in der letzten Baracke ansehen, überlegt es sich dann aber doch anders und läuft den beiden nach.
Am Auto warten sie auf mich, mies gelaunt, aber wieder vereint nach dem kurzen Streit.

Wir waren eine halbe Stunde in dem Lager, haben weder das Museum noch die Ausstellung zu Gesicht bekommen. Um das Lager herum gäbe es noch diverse Gebäude zu besichtigen, unter anderem das grosse, komfortable Wohnhaus des ehemaligen Kommandanten (mit Swimmingpool im Garten), sowie weiter ausserhalb die Gaskammer.

Nichts davon interessiert mehr, nur noch weg hier, mach Musik an, wie lange müssen wir fahren. Witze machen. Sich gegenseitig hochnehmen, provozieren.

Einer fragt ungläubig: «Ist das alles wirklich passiert hier?» Als ich das bejahe, spüre ich ein wenig sein Staunen, wie so etwas reell sein kann.

Einem anderen wird es schlecht von der «Scheiss Strasse», die ins Tal hinab kurvt. Ganz blass ist er, aber bald geht es ihm wieder besser. Er macht wieder lustige Sprüche.

Nachdem ich sie am Bahnhof zur Heimfahrt verabschiedet habe, überfällt mich eine grosse Müdigkeit. Ich bin völlig erledigt, von dem vierstündigen engen Miteinandersein im Auto, von dem Lärm und der Nervosität, von den vielen Sprüchen, die ich mir habe anhören müssen. Ich denke, das ganze war sinnlos, eine Tagesexkursion für ein 30-minütige Besichtigung.
Dann wird mir aber auch klar, dass es eine enorme Anforderung an die Schüler und an mich war, diese Fahrt gemeinsam durchzuführen.
Ich bin gespannt, was sie wohl daheim erzählen. Was haben sie gesehen?


 

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8  Diktat

C. Martin

Nach einer recht uneffektiven und turbulenten ersten Lektion, in der ein schwelender Streit vom Vortag sortiert werden muss, kündige ich nach der Zehn-Uhr-Pause meinen vier Schülern (eigentlich wären es fünf, aber einer ist heute krank) ein Diktat an.

Ich verteile den Diktattext und biete an, ihn sich fünf Minuten lang zur Vorbereitung anzusehen, was aber nur ein Schüler macht. Die anderen scharren unruhig mit den Füssen. Sie können den Beginn kaum erwarten.

Was für Schüler habe ich hier vor mir?

Die Leistungsspanne der 12- bis 15-jährigen könnte kaum grösser sein, was ihre (Recht-)Schreibfähigkeiten angeht: Eine Schülerin schreibt flüssig und weitgehend fehlerfrei, ein zweiter Schüler schreibt flüssig, aber mit vielen Fehlern, ein dritter Schüler schreibt rein phonetisch ohne Beachtung irgendwelcher Rechtschreibregeln und an der Grenze zur Unlesbarkeit, der vierte schreibt langsam, bemüht sich, gewisse Regeln einzuhalten, was ihm jedoch kaum gelingt – er spricht die deutsche Sprache erst seit vier Jahren und hatte in der Zeit kaum je die Gelegenheit, ernsthaft an der Rechtschreibung zu arbeiten.

Die Hauptschwierigkeit beim Diktieren besteht zunächst darin, das Tempo der Geschwindigkeit des langsamsten Schülers anzupassen, was die anderen sofort dazu bringt, ständig dazwischen zu rufen «Fertig, weiter!!!» Dabei entsteht ein Wettstreit zwischen zwei Schülern, wer schneller «fertig!!!» ist. Die einzige Schülerin, die mit Abstand die beste Diktatschreiberin der vier ist, lächelt hierüber nur: «Macht ihr eigentlich ein Wettrennen?»
Inzwischen verzweifelt der Langsame beinahe. Mehrfach will er Stift und Heft in die Ecke werfen, ich sei ein Vollidiot und könne nicht richtig diktieren (kann ich aber doch). Aber er schreibt weiter, weil ich stoisch weiter diktiere.

Nach der Hälfte des Textes sage ich ihm und einem der beiden Wettrenner, sie hätten ihr Soll erfüllt, die zweite Hälfte des Diktates sei nur für die beiden anderen, sie könnten allenfalls freiwillig noch weiter schreiben oder still zuhören.
Sie entscheiden sich fürs Zuhören.
Den beiden anderen diktiere ich den Rest.

Dass das überhaupt alles so möglich ist, hängt mit einem fragilen Gleichgewicht in der Klasse zusammen.
Wenn nur ein starker Diktatschreiber anwesend gewesen wäre, hätte der nie und nimmer zu Ende schreiben können – die zwei schwächeren Schüler hätten das sabotieren müssen.
Dass die beiden eiligen Schreiber die Langsamkeit des Dritten aushielten, liegt wiederum daran, dass sie sich von den amüsierten Augen der Schülerin gesehen wussten.
Dass diese überhaupt mitmachte, war von vorne herein ein Wunder, denn sie hatte in den Wochen vorher so ziemlich alles verweigert, was irgendwie nach schulischem Arbeiten roch.

Nachdem nun auch die beiden stärkeren Diktatschreiber den Text zu Ende geschrieben haben, sammle ich die Blätter ein und beginne vor ihren Augen und begleitet von ihren Kommentaren sofort mit der Korrektur. Dabei sehen sie betont gelangweilt zu, ohne ihren sehnsüchtigen Wunsch nach «gut gemacht» ganz verbergen zu können. Die Bewertung der Diktate ist für mich nahezu unmöglich, aufgrund der geschilderten unterschiedlichen Ausgangslagen, aber auch aufgrund der unterschiedlichen Erwartungen: Eine will «knallhart wie in der OS» benotet werden, ein anderer will es gar nicht wissen, einem dritten zähle ich die richtige geschriebenen Wörter und schreibe ihre Zahl unter den Text. Der vierte verschwindet während der Korrektur und taucht nur am Ende der Lektion kurz auf, um sich von mir zu verabschieden.
Ich versorge die Arbeiten in einen Ordner und erwähne das Diktat nie mehr mit auch nur einem Wort.

 

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9  Museumsbesuch : Edvard Munch – Zeichen der Moderne

C. Martin, April 2007

Mit meiner eccola-Klasse ins Museum? In die Foundation Beyeler?? Meine vier Schüler haben das Bild «der Schrei“ kennen gelernt und eine Geschichte dazu geschrieben.
Sie waren interessiert an der jüngsten Geschichte dieses Bildes, das vor drei Jahren aus dem Munch-Museum in Oslo gestohlen wurde und bei seiner Wiederentdeckung so ramponiert war, dass es nun nicht mehr gezeigt wird.
Sie hörten mit Staunen, dass Edvard Munch seine Bilder ganz und gar nicht als «Heiligtümer» behandelte, sondern sie im Gegenteil einer «Rosskur» unterzog, sie bei Wind und Wetter im Garten deponierte oder sie mit Werkzeugen absichtlich verkratzte, und dass seine Bilder teilweise nur «halbfertig» sind.



Dass dies nicht unbedingt ausreicht als Motivation für den Besuch der vielgelobten Riehener Ausstellung im Frühjahr 2007, merke ich in dem Moment, als ich dieses Vorhaben bekannt gebe. Lediglich ein Schüler reagiert positiv, die anderen beschweren sich schon mal im Voraus, dass das ja wohl eine blöde Idee sei.

Trotzdem gehen wir also an einem Vormittag nach den eccola-üblichen Startschwierigkeiten zur Foundation Beyeler. Dort herrscht dichtes Gedränge an der einzigen Kasse, gerade ist ein Bus voller kunstinteressierter Anthroposophen angereist, die nun einer nach dem anderen ihre Eintrittskarte erwerben, was teilweise ziemlich dauert, weil es sich 1. um Anthroposophen und 2. um Gäste aus dem Euro-Ausland handelt.

Geduldig warten wir auf die Zuteilung der Klebeschildchen, die sich Schulklassen ans Revers kleben müssen. Dann geht es hinein.
Das Publikum ist bereits zahlreich anwesend, vorwiegend ältere Kunstinteressenten. Dazwischen rennen meine Schüler durch die labyrinthartigen Räume der Ausstellung in einem Tempo, das ihr Desinteresse und ihre Ablehnung der Situation deutlich zeigen soll.

Es kommt wie es kommen muss: innert kürzester Zeit ist einer der allgegenwärtigen Museumswächter auf die Schüler aufmerksam geworden und folgt ihnen nun auf Tritt und Schritt. Das ist wohl am ehesten das, was die Jugendlichen vom Besuch der Beyeler Foundation erwartet haben: dass es ihnen wieder mal durch ihre blosse Anwesenheit gelingen würde, für Ärger zu sorgen. Sie passen wie so oft nicht in den Rahmen. Schliesslich fordert mich der Wächter auf, einen der Schüler, der sich seiner Meinung nach zu nahe an eines der Gemälde herangewagt hat, aus dem Museum zu entfernen. Mache ich, begleite den Sünder zum Ausgang mit der Anweisung, draussen zu warten. Dabei muss ich selber schmunzeln. Was hätte wohl Edvard Munch zu der Situation gesagt?



Die übriggebliebenen drei Schüler rennen im Laufschritt durch das Museum, Picasso, Brasse, Giacometti, Monet, Manet und natürlich Munch links und rechts liegen lassend. Nach einer knappen halben Stunde sind wir alle wieder draussen. In das Sch….-Museum würde ich sie sicher nie wieder kriegen!!!

Am nächsten Tag fordere ich sie auf, einen Aufsatz über unsere «Exkursion» zu schreiben. Drei Schüler berichten in knappen und politisch nicht korrekten Sätzen von ihrem Ärger mit dem Wächter, der ihnen ihrer Meinung nach komplett Unrecht getan hat. Einer schreibt auch über die Bilder, die er dann doch aus dem Augenwinkel gesehen hat und die ihn beeindruckt haben. Allein dafür hat sich die Aufregung gelohnt.

 

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10  Preisverleihung der Basler Eule

C. Martin, März 2011

«Die Uhr tickt» – das Thema des Geschichtenwettbewerbs 2011. Preisverleihung an einem eiskalten Sonntagabend im Gare du Nord.
200 erwartungsfrohe Gäste zwischen 7 und 90 Jahren, Autoren und Autorinnen der erfolgreichsten Geschichten, ein Bläsertrio von der Musikakademie, Ansprachen.

Mittendrin die Oberstufenklasse der eccola, die als Juryklasse in der Kategorie II (13–15 Jahre) ausgewählt worden war. In den vergangenen Wochen haben die Schüler und Schülerinnen die 10 vorausgewählten Texte gelesen, bewertet und die Siegergeschichte ermittelt: Die Geschichte eines Rennpferdes, das in jener Nacht geboren wurde, als ein Blitz seinen Vater tötete, und das im Verlauf der Geschichte Höhen und Tiefen durchlebt und am Ende das Rennen seines Lebens gewinnt.

Nun also rückt der Moment näher, an dem die Jury ihre Laudatio halten muss. Die vier Jugendlichen warten ungeduldig, Nervosität macht sich breit. Nackte Angst bei der Vorstellung, gleich ins Rampenlicht vor so viele Zuschauer treten zu müssen. Im Rampenlicht steht bereits die Autorin der ausgewählten Geschichte und strahlt.

Jetzt aufstehen, nach vorne gehen, nebeneinander Aufstellung beziehen. Wir Lehrpersonen stellen uns links und rechts neben die Schüler, die sich am liebsten festhalten würden, aber es gibt keinen Halt ausser dem Blatt Papier, auf dem sie ihre Sätze aufgeschrieben haben. Nacheinander geben sie ihre Kommentare zu der prämierten Geschichte ab. Wie schwer fallen diese wenigen Worte! Einigen zittern die Hände beim Halten des Mikrofons.

Etwas geschieht in diesen kurzen Augenblicken. Die Luft wird dicker, die Spannung steigt im Saal. So gross ist der Gegensatz zwischen den Schülern und Schülerinnen, die erfolgsgewöhnt und (vermutlich) bestens gefördert ihre Arbeiten präsentieren, und diesen paar Jugendlichen, die so offensichtlich all ihren Mut zusammen nehmen, ihre Stimme zu erheben, ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen. Die dennoch dastehen und nicht wanken. Ganz still ist es geworden. Ein kurzer Moment, in dem die Uhren beinahe aufhören zu ticken.

Dann ertönt Applaus - schnell zurück auf die sicheren Sitze inmitten des Publikums, tiefes Schnaufen und Herzklopfen, nur ganz allmählich macht sich Entspannung bemerkbar.

Hinterher beim Apero, zu dem wir alle um einen Tisch in der grossen Bar des Gare du Nord sitzen, wird erzählt, wie das war, dort vorne zu stehen: Der eine ist fast gestorben, eine andere wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, jemand ärgert sich über einen Fehler beim Vorlesen... stolze Zufriedenheit.

 

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