«Merk mal!»

Vortrag, gehalten von Brigitta Wisselaar anlässlich des internationalen interdisziplinären Kongresses an der Universität Basel vom 1./2. April 2005

Ich möchte Ihnen von einer Schule für sogenannt ausgeschulte Kinder und Jugendliche, berichten. Die eccola ist eine kleine Privatschule, besteht mit drei Klassen à vier Schülern seit viereinhalb Jahren und hat zum Ziel, die Kinder in eine Regelklasse zurückzuführen.

Die Schüler kommen zu uns nachdem sie sich in der öffentlichen Schule unmöglich gemacht haben. Resistent geworden gegenüber den gängigen pädagogischen Mitteln – wie Gespräche, Verständnis, Strafen usw. – verhalten sie sich nun nicht nur unmöglich, sondern sie verlangen in ihrer Not das Unmögliche selbst. Es handelt sich um Verhaltensauffälligkeiten mit appellativem Charakter. Diese lassen sich am besten dadurch beschreiben, dass jede vorsätzliche Bemühung, die Störung des Kindes zum verschwinden zu bringen, zum Scheitern verurteilt ist.

Die grösste Herausforderung bei dieser Arbeit ist der Zugzwang, in den uns die Appelle der Kinder bringen. Mit seismographischem Gespür fordern sie Mitschüler wie Lehrpersonen heraus, schaffen damit ein offenes und unterschwelliges Reizklima, das auf Dauer unmöglich zu ertragen ist, sich andererseits aber weder mit Belohnungs- noch Strafsystemen bewältigen lässt.

Die Appelle der Kinder schreien nach Auflösung, gleichzeitig ist ihr Verhalten so, dass gerade das nicht passieren kann.

Professor Dr. E. E. Kobis Definition, was zu einem guten Heilpädagogen gehöre, lautet: Das ist eine Lehrperson, die akribisch vorbereitet in die Schulstunde kommt, jedoch imstande ist, all diese schulischen Vorbereitungen augenblicklich sausen zu lassen, falls sich ein wichtigeres Thema oder sonst eine Störung in den Vordergrund drängt. An der eccola drängen sich wichtigere Themen und Störungen am laufenden Band in den Vordergrund, aber genau deswegen sind unsere oft so vergeblichen Vorbereitungen ungeheuer wichtig. Erst sie geben uns den roten Faden und den nötigen Halt, damit wir uns gefahrlos den verschiedenen Abweichungen zuwenden können. Ohne diese Voraussetzung drohte unsere Arbeit bald in eine chaotische Beliebigkeit abzugleiten.

In kleinstem Rahmen gewährleisten wir an der eccola also einen Schulalltag mit dem nötigen Spielraum, den die Schüler brauchen, um ihre Themen zu agieren und zur Sprache zu bringen. Dazu folgendes Protokoll eines Mitarbeiters:

Erster Schultag nach den Osterferien
Auf die Minute pünktlich kommt Max hereingestürmt. Er hat die Haare kurz geschoren, trägt eine Bomberjacke und schwere Stiefel. „Platz!", schnauzt er mich an und will an mir vorbei ins Treppenhaus. Ich bleibe stehen, auch wenn es mir einmal mehr angesichts des bulligen Jungen nicht ganz wohl ist. Er versucht, mich aus dem Weg zu rempeln, ich bleibe stehen und verlange von ihm, er solle, seine Finken anziehen. „Sicher nicht ziehe ich schwule Finken an!" schreit er. In aller Ruhe bleibe ich hartnäckig, als wäre Finken anziehen das Selbstverständlichste der Welt. Wir haben nun also die Situation, dass ein erklärter Schulhasser, der aus allen vorhergehenden Schulen ausgeschlossen wurde und auch bei uns Schule fürchterlich findet, mit all seiner körperlichen Kraft versucht an seinem Lehrer ins Klassenzimmer vorbeizukommen. Wortlos stehe ich da, mime den Fels in der Brandung. Ich weiss, mit Verführung kann ich ihm nicht kommen, von wegen „Schöne Ferien gehabt, neue Frisur?" Endlich – nach sage und schreibe 20 Minuten lenkt er schnaufend ein, zieht seine Schuhe aus und trabt mit mässigem Gepolter vor mir her die Treppe hinauf. Dabei höre ich zwischen Geschimpfe und Gefluche den Satz: „Endlich wieder Boden unter den Füssen".

Den Symptombegriff als Merkmal im Sinne des Imperativs „Merk mal!" verstanden, hat der Basler Ausdrucksanalytiker Robert Stalder geprägt. Die Doppeldeutigkeit dieses Begriffs illustriert nicht nur hervorragend den Appellcharakter eines solchen Symptoms, sondern impliziert gleichzeitig auch den Umgang damit. Es soll aufgemerkt werden. Der ursprüngliche Notschrei „Merk mal!" konnte nicht als das, was er war, aufgenommen werden und hat sich im Laufe der Zeit zum Merkmal, in unserem Falle zu einer Verhaltensstörung verfestigt. Es ist ein Teufelskreis entstanden, in dem der ursprüngliche Konflikt um so weniger aufgelöst werden kann, als sich das betroffene Kind gezwungen sieht, sich mit den Auswirkungen seiner Rolle als Dummer, Bösewicht, Versager, Nichtsnutz usw. herumzuschlagen. Je nachhaltiger der Zugang zur eigentlichen Not auf diese Art entfremdet wurde, desto mehr potenziert sich besagte Entfremdung und kann schliesslich – auch schon im Kindesalter - eine verhängnisvolle Eigendynamik entwickeln – bis hin zur kalten und beziehungslosen Lust auf Macht und Destruktion.

Pedro zum Beispiel kam mit seinen 8 Jahren zu uns, weil er Kinder und Tiere quälte. Sein Gesicht war vollkommen versteinert, Blickkontakt vermied er und vor allem konnte er kein einziges an ihn gerichtetes Wort vertragen. Die einzige Möglichkeit, sich etwas zu entspannen, bestand für ihn darin, bedrohliche Monster zu malen.

Während dem Malen der Monster begann sich allmählich eine Art Gespräch zu entspinnen, Minigespräche in Form von vereinzelten Worten und Sätzen, die unvermittelt in die Stille plumpsten. Pedro: Dieses Monster kann die ganze Welt vernichten!? Ich betrachte das Monster lange. Am nächsten Tag: Es ist grösser als Gott, grösser als das ganze Universum. Sinnend sage ich: Diese Einsamkeit. Pedro ragiert nicht, er scheint vollkommen ins Malen versunken. Wieder am nächsten Morgen: Das Monster zerstört die ganze Welt. Ja, so sieht es aus, nicke ich. Beim Abschied um 12Uhr sage ich: Ich habe mir Gedanken zum Monster gemacht. Sofort springt er davon. Drei Tage Pause, dann fragt er: Was für Gedanken? Sie haben etwas mit Angst zu tun. Wieder scheint es, als habe er meine Antwort nicht gehört, doch dann zwei Tage später: „Was meinst du mit diesem blöden Wort? Ja also, wenn das Monster stärker und grösser ist als alles, dann hat es doch vermutlich keine Angst (Pedro nickt heftig) und da ist mir eben in den Sinn gekommen, dass mir jemand ohne Angst einfach nicht geheuer, eigentlich direkt unsympathisch sei. Er schaut mich an, als ob ich vollkommen bescheuert wäre und wendet sich sofort seinem Bild zu. Später, beim Znüni, bricht es dann aber unvermittelt aus ihm hervor. Er schreit mich an: Was ich eigentlich meine, ob ich denn wirklich so dumm sei, zu glauben, das Monster habe keine Angst. Wofür denn bitte!!! brauche es solche Krallen und Zähne, drei Köpfe und die vielen Arme?

Die Ursache appellativer Verhaltensstörungen verstehen wir als das vergebliche aber umso insistierendere Begehren, einer Notsituation zu entkommen. Aufgrund unverrückbarer lebensgeschichtlicher Gegebenheiten wurden die Kinder gezwungen, mit Umständen zu leben – zum Beispiel vom Vater verlassen worden zu sein – mit denen sie sich aber unter keinen Umständen abfinden konnten – vorausgesetzt es handle sich um ein Kind mit einer starken Persönlichkeit. Beziehungsvoll, gespürig, schöpferisch, gleichzeitig kämpferisch und sehr eigenwillig ... alles Eigenschaften, die zusammen mit einem lebensgeschichtlichen Bruch ein explosives Gemisch ergeben können. Dann nämlich, wenn dieser Bruch etwa mit dem Missverständnis der eigenen Schuld gekittet wurde und in Folge davon – im Hintergrund – eine Selbstwertproblematik ihr Unwesen treibt. Sich normal zu verhalten käme in diesem Falle einer Selbstaufgabe gleich.
Zunächst kann also weder vorwärts gegangen werden noch stillgestanden bleiben und genau in dieser Unmöglichkeit finden wir das nötige Druckpotential zum Absprung – in eine dritte schöpferische Möglichkeit. Schockierende Wörter, Streitlust, Verweigerung ... das alles sind sehr taugliche Mittel, um den nötigen Druck zu erzeugen und um gleichzeitig nicht im Stillstand erstarren zu müssen. Es ist an uns, diesem scheinbaren Leerlauf seinen Sinn zu attestieren und so lange zu hüten, bis das Kind den uneingestandenen Ängsten einen Namen geben kann und den Mut zum Absprung, zum Beispiel in die Rehabilitation, gefunden hat.

Ben ist 11 Jahre alt und seit dreiviertel Jahren an der eccola. Eines seiner Merkmale ist das Unvermögen, am Morgen zu kommen und um 12 Uhr zu gehen. Bis er am Morgen jeweils im Klassenzimmer ist, dauert es mindestens eine viertel Stunde. Er läutet, springt weg, baut vor der Haustür eine kleine Steinskulptur, versteckt sich usw. Genausowenig kann er um 12Uhr nach Hause gehen. Da muss er noch aufs WC, versteckt mir die Schlüssel, verabschiedet sich, um nach fünf Minuten wieder zu kommen und im Garten mit WC Papier ein Feuer zu machen usw. Bei einem dieser Abschiedsszenarien hat er vom Znüni her noch einen angebissenen Apfel, den er nun übers ganze Fenster verschmiert. Ich explodiere heftig und schreie ihn an, wie mich dieses Geschmier ärgere. Erschrocken murmelt er, er habe es nicht extra gemacht. Noch ein wenig lauter rufe ich: Ja, das ist es ja, was zum Verzweifeln ist, ich weiss, dass du es nicht extra gemacht hast. Augenblicklich wird es still. Ben schaut mich mit ernsten Augen forschend an und sagt vollkommen ruhig: Siehst du, genau das ist es, was immer alle nie begreifen bei mir. Darauf verlangt er Putzzeug, putzt die Scheibe perfekt und verabschiedet sich mit einem kurz und bündigen Händedruck. Seine Ankunfts- und Abschiedsschwierigkeiten haben sich von diesem Tag an in nichts aufgelöst.

An der eccola gehen wir davon aus, dass jedes Kind normal sein möchte. Ebenfalls gehen wir davon aus, dass ein Kind einen Grossteil der Schwere des Lebens tragen kann – vorausgesetzt, es werde frei von unverschuldeter Schuld und vom Gefühl, versagt zu haben. Das sind die Annahmen, auf die wir unsere Hoffnung stützen. Die Energie dazu, das was den Motor antreibt, finden wir im blockierten Druck, den die doppelte Verneinung eines Weder-Noch Musters zu erzeugen vermag. In jeder doppelten Verneinung steckt das Potential zur Bejahung – immerhin wollen unsere Schüler nicht nicht zur Schule gehen. Mit diesem nicht nicht halten sie ihr eventuelles Ja als Möglichkeit in der Schwebe. ‚Endlich wieder Boden unter den Füssen' war für Max der Auftakt dazu. Wobei es noch ein langer Weg werden sollte, bis er dem Glauben Ausdruck geben konnte, dass es mit ihm eventuell doch noch etwas werden könnte. Ihr müsst nicht meinen, ich kann jederzeit zurück, wenns nötig wird, blitzt es auch heute noch aus seinen Augen. Wir sagen dazu: Max ist in der Phase, wo er um seinen schlechten Ruf fürchtet.

Unsere Erfahrungen zeigen, dass das Kind über Selbstheilungskräfte verfügt, die unter förderlichen Bedingungen und zu gegebener Zeit zum Tragen kommen. Die wichtigste Bedingung hat etwas mit Interesse zu tun – dazwischen sein. Anfänglich sind unsere Schüler oft so nervös und ausser sich, dass es ihnen kaum gelingt, sich in ihrer Gegenwart aufzuhalten. Unversöhnlich kleben sie an der Vergangenheit und sind dementsprechend auch nicht frei für eine Zukunft. „Wofür muss ich diesen Scheiss lernen?" ist eine häufige Frage. Die Schüler sind intelligent und begabt, weigern sich jedoch, diese Begabungen in die Waagschale zu werfen. Auch hier gilt es warten zu können, bis das Kind aus eigener Kraft gewillt ist, seinen Weg zum Interesse und Lernen frei zu schaffen. Sobald dieser Punkt erreicht ist, passiert der Fortschritt oft in Riesenschritten. Bis es soweit ist, haben wir die Aufgabe, mit möglichst wenig Worten, aber umso treffenderen Bildern, Geschichten und Lerninhalten die Zeit, die ein Kind für seinen Weg braucht, lebendig zu erhalten.

Basel 1.4.2005

Brigitta Wisselaar Rickli

 

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