Praxis der ausdrucksanalytischen Pädagogik an der eccola

Geschrieben von Brigitte Wisselaar

 

Schwerpunkt, roter Faden und Ziel unserer Bemühungen an der eccola ist es, mit unseren Schülern dahin zu gelangen, wo sowohl das Lernen, als auch die konstruktive Behauptung eines Platzes in der Schülergruppe wieder möglich wird.

Die SchülerInnen kommen zu uns, nachdem sie wiederholt an den verschiedensten Orten schulisch und/oder sozial gescheitert sind. Vordergründig desinteressiert, wütend, enttäuscht... sind sie mit ihren dahinter liegenden Àngsten und Selbstzweifeln in einem zerstörerischen Teufelskreis gefangen.

Genauer steckt jedes dieser Kinder auf ganz eigene Art in einem blockierenden Weder-Noch-Muster. Gerade aber in der doppelten Verneinung und im Druckpotential eines solchen Musters liegt die bejahende dritte Möglichkeit, mit welcher eine derartige Blockierung auch wieder aufgelöst werden kann.

Der Eintritt eines Kindes in die eccola bedeutet: Weder kann es weitergehen wie bisher, noch ist schon ein Anreiz vorhanden, um auf die vertrauten Mechanismen verzichten zu können. Wir stehen somit in dieser ersten Phase vor der Aufgabe, es mit dem Kind zusammen auszuhalten, um ihm damit den Halt - im Sinne von innehalten, aushalten - zu garantieren, den es sich aus eigener Kraft nicht zu geben vermag.

Die Blockierung, die das Kind über sein "unmögliches" Verhalten ausagiert, bedeutet in Wirklichkeit eine gesunde Weigerung. Es will und kann, es wollte und konnte sich mit bestimmten Umständen nicht abfinden. Wir haben 12 jährige Schüler, die in abgeschwächter Form schon im Kindergarten dieselben Auffälligkeiten wie heute gezeigt haben.

Je ausgeprägter die Persönlichkeit, je insistierender agiert ein solches Kind - unter Umständen jahrelang. Ursprünglich fand es sich in einer Situation wieder, zum Beispiel in einer spannungsgeladenen Familienatmosphäre , in der es diese weder ändern, noch ertragen konnte. Statt dass die Eltern etwa das Bettnässen ihres Kindes als Reaktion und Hilferuf hätten verstehen können, wird das Kind für seine unschuldige Handlung bestraft. Es addiert sich nun zum ursprünglichen Problem noch eine kränkende Strafe, die es zu verdauen gilt, was aber der subjektiven Wahrheit zu liebe nicht möglich ist. Weiter kommt dazu die noch viel schlimmere Enttäuschung und Einsamkeit darüber, dass sein Begehren nicht gehört wurde. Ein Kind kann sich von dem, was in der Familie geschieht, nicht distanzieren. Entsprechend seinem frühkindlichen Narzismus bezieht es alles auf sich und gerät unter besagten Umständen immer mehr in einen diffusen Strudel von sich Gehör verschaffen wollen , von Schuld, Wut, Ohnmacht und Zweifeln - an sich selbst.

Was wir an der eccola antreffen, sind die verselbständigten, zementierten Folgeerscheinungen solch negativer Identifikationen. Es ist ein Kampf mit den falschen Mitteln am falschen Ort, der in Wahrheit jedoch gegen eine drohende Resignation geführt wird und somit positiv zu werten ist. Zu diesem Kampf reichen wir unseren Schülern die Hand. Zwangsläufig unterliegen wir damit auch als Lehrpersonen demselben Muster: Weder dürfen wir das problematische Verhalten unserer SchülerInnen abwertend behandeln, noch sollen wir bei entsprechend destruktiven Handlungen tatenlos zusehen. Wir sind also genauso wie unsere SchülerInnen in einer paradoxen Unmöglichkeit gefangen, allerdings mit dem Unterschied, dass wir uns den springenden Punkt daraus einfallen lassen müssen.

Es ist dies die oft verzweifelte Gratwanderung zwischen ausdrucksanalytischer Arbeit und schulischer Pädagogik. Wir sind als Schule definiert und haben einen Lehrauftrag, jedoch ist bei unseren SchülerInnen der Weg dahin oft dermassen verbarrikadiert, dass wir nicht darum herum kommen, den dahinter liegenden Motiven Rechnung zu tragen.

Die Kunst besteht darin, dass wir nicht wie in einer Therapie mit dem Kind über seine Themen sprechen oder ihm seine Handlungen deuten, sondern dass wir ihm nach oder während eines bestimmten Vorkommnisses zu verstehen geben, dass wir um keinen Preis vom Glauben (an es) ablassen würden, dass selbst im unmöglichsten Verhalten noch ein berechtigter Sinn enthalten sei, dass allerdings das dafür gewählte Ausdrucksmittel die Grenze des Erträglichen gesprengt habe. Ohne diese Differenzierung, ohne dass wir dem Kind diese Unterscheidung nicht immer wieder neu, in allen erdenklichen Verkleidungen - aber ohne uns zu wiederholen - zu verstehen geben, wird es keine Konzessionen machen können.

Immer und immer wieder gilt es, ein Symptom - und wenn es sich noch so destruktiv und verschlüsselt äussert - wertfrei als Begehren zu begreifen. Erst wenn das Vertrauen in diese tiefer liegenden Strebungen durch unzählige kleine Ereignisse gewonnen wurde, ist das Kind langsam bereit und in der Lage, sein eigenes Verhalten zu relativieren.

Mit seinem Symptom hat es bis dahin nichts anderes als das kleinere Übel gewählt - Strafen, Ausgrenzung, Ablehnung. All das wurde in Kauf genommen, um damit denjenigen Teil in sich zu schützen, der existentieller - lebens-Not-wendiger - ist, als die Beherrschung des kleinen Einmaleins.

Der Eintritt in die eccola bedeutet für das Kind eine grosse Anforderung. Plötzlich fallen sämtliche gewohnten Sanktionen, mit denen es bis anhin zuverlässig rechnen konnte, weg. Diese Sanktionen, so unangenehm sie auch waren, boten genau den Rahmen, in dem das Kind seine widerstandsorientierte Energie los werden konnte ohne Gefahr zu laufen, im Strudel der eigenen Kümmernisse zu ertrinken.

An der eccola gibt es drei Regeln, die unbedingt eingehalten werden müssen: Man darf seine Mitschüler weder verletzen noch stören und es wird kein Material kaputt geschlagen.

Anfänglich fühlen sich die Kinder durch diese neue Freiheit bedroht und dementsprechend beginnen sie auf sämtlichen Registern der Provokation und Verweigerung zu spielen. Diese erste Phase dauert erfahrungsgemäss ungefähr drei Wochen und verlangt unsererseits eine gehörige Portion an Phantasie, Einfühlungs- und Standvermögen. Bei besonders verletzten, eigensinnigen und leidenschaftlichen Kindern kann dies bis zu einem halben Jahr dauern. In dieser ersten Zeit dürfen wir uns weder zu moralischen Erpressungen ... "Wenn du das noch einmal tust"... hinreissen lassen noch dürfen wir aber die Provokationen einfach ignorieren. Das Kind soll an der eccola nicht bloss sein Dasein fristen. Es soll aus seiner Sackgasse hinaus geführt werden, indem die Symptome ihren ursprünglich berechtigten Sinn zurück erhalten. Dies ist nur möglich, wenn dem Kind erlaubt wird, dieses Versprechen nach allen Regeln der Kunst zu prüfen. Erlebt das Kind so den Respekt und das Verständnis für seine tiefer liegenden Motive, kann es sich mindestens teilweise frei sprechen von seiner Schuld und beginnen, mit sich selber Frieden zu schliessen. Plötzlich macht man dann die erstaunliche Erfahrung, dass die Begabungen soweit wieder freigesetzt sind, dass das kleine Einmaleins im Nu und ohne grosse Probleme gelernt werden kann.

 

Literaturangabe:
Über den Sinn und die Grenzen des psychologischen Erkennens, Hans Kunz
Die anthropologische Bedeutung der Phantasie, Hans Kunz
Psychologie des Unbewussten, Siegmund Freud
Über das Begehren, Françoise Dolto

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